Zwiespalt
Ich befinde mich auf der Zielgeraden, auf den letzten Metern meines Berufslebens.
Der Drops ist gelutscht, das System spuckt mich aus. Ich habe meine Schuldigkeit getan. Und das ist gut so.
Es naht das Ende einer täglich sich mehr und mehr überschlagenden Flut ständig neuer Informationen, Arbeitsumgebungen, Systemumstellungen, Rundschreiben, Arbeitsanweisungen, Mitarbeiterbesprechungen, Skype-Konferenzen, Updates, Aufgabenbereichen, Kollegen und Kolleginnen, Vorgesetzten, neu geordneten Hierarchien und und und …
Es wird der unmissverständliche Anspruch auf eine 100-prozentige Loyalität und Pflichterfüllung formuliert, verbunden mit einer gewissen Strenge und Unnachsichtigkeit, ja Unerbittlichkeit. Dem mit jovialer Nonchalance geäußerten Zugeständnis, wir alle machten ja schließlich mal Fehler und keiner müsse Angst davor haben, ist nicht zu trauen. Jedenfalls scheint es im Zweifel nicht ratsam, sich darauf zu berufen. Versagensängsten, Fahrigkeit und Panik wird teils mit verständnislosem Kopfschütteln begegnet und sie werden in die Nähe pathologischer Verhaltensauffälligkeiten gerückt. Ein Fall für Betriebsarzt und Psychiater, beide selbst irgendwie Mitläufer und Erfüllungsgehilfen des Systems.
Aus dem Zwiespalt zwischen Gewissenhaftigkeit und Angst vor dem Versagen bin ich ein Arbeitsleben lang nicht herausgekommen. Neben der gewonnenen Freiheit und Selbstbestimmung wird der Abschied von diesem Zwiespalt der wichtigste Unterschied sein zwischen der Vergangenheit und der neuen Zeit als Ruheständler.
Der Arbeitsnehmer ist es, der sich oft selbst in Frage stellt, der Arbeitgeber - in großen Betrieben ohnehin eher gesichtslos und schwer greifbar – tut das offenkundig so gut wie nie. Da regt sich in mir so etwas wie Genugtuung, wenn sich heutzutage das Blatt zu wenden scheint, und sich Arbeitgeber unvermutet und fassungslos mal ihrerseits mit Ansprüchen konfrontiert sehen, die sie für überzogen und unangemessen halten. Sich diesen zu beugen, erachten sie für unter ihrer Würde. Ach, sieh an!