Wahrnehmung
Gegen eine andere Wahrnehmung zu argumentieren, ist sinnlos.
Ebenso wie Mitgefühl zu erwarten, wo nie eines war.
Wenn mir jemand als sympathisch beschrieben wird, der mir zutiefst unsympathisch ist, dann wird das an meiner Sicht nichts ändern. Andersherum genauso.
Wenn jemand das Offensichtliche leugnet, dann hat es keinen Sinn, darüber zu diskutieren.
Wenn jemand in jeder fremden Meinung einen Affront sieht, einem Gesagtes im Munde um- und Fakten verdreht, dann bleibt man sprachlos und ohnmächtig zurück.
Wenn Bereitschaft und Fähigkeit fehlen, dem Anderen zuzuhören und ihm unvoreingenommen und auf Augenhöhe zu begegnen, dann bleibt nur noch jeder unter Seinesgleichen, jeder in seinem Schützengraben oder in seiner Blase und käut immer nur dieselben eigenen Gedanken wieder oder die, die in sein Weltbild passen.
Hasserfüllte Menschen kennen kein Verständnis, keine Zuneigung, keine Nähe, kein Vertrauen, kein Miteinander und keine Menschlichkeit, nur schroffe Ablehnung und feixende Häme. Ihre Welt ist kalt.
Wenn es jemanden stört, dass auf Windelpackungen auch schon mal dunkelhäutige Babys abgebildet sind, dann fällt mir dazu nichts mehr ein.
Wenn eine Minderheit sich selbst als "Elite" sieht und die Mehrheit, nur noch als Mainstream und tumbe Herde verachtet, auf welcher Grundlage soll man da noch miteinander reden?
Es gibt wohl Leute, die in Adolf Hitler allen Ernstes einen lieben Onkel, einen bedeutenden Staatsmann und ein missverstandenes Opfer übler Nachrede sehen. Sie halten 50.000.000 Tote als Folge eines von Deutschland entfachten Weltkrieges und Massenmordes für "nicht so schlimm" und die Zeit des Nationalsozialismus für einen bedeutungslosen "Vogelschiss" und eine "Zeit, in der nicht alles schlecht war". Jemand, der in der Zeit von 1933 bis 1945 nirgends monströse Unmenschlichkeit und Barbarei erkennt, der wird auch heute nirgendwo Anzeichen von Rechtsextremismus wahrnehmen. Und einem, der so denkt, erklären zu wollen, welche Gefahr und Bedrohung im Rechtsextremismus liegen, erscheint zwecklos. Das ist bei jemandem, der nur vorgibt, es nicht verstehen zu können, es letztlich nur nicht will, sich scheinheilig empört oder gar feixend dumm stellt, erst recht vergebene Mühe.
Dass sich Menschen absondern und sich radikalisieren, davon habe ich früher nur gehört oder gelesen. Ich erlebe gerade selbst ein verstörendes und schmerzhaftes Beispiel davon in meiner Umgebung. Diese Menschen wirken zusehends missgestimmt, misstrauisch, wütend und laut, sie werden einem fremd, ziehen sich immer mehr in ihre eigene freudlose Welt zurück und wähnen sich von Verblendeten und Widersachern umgeben.