Wir basteln uns ein Schimpfwort
Aus gegebenem Anlass zunächst eine Klarstellung vorweg.
Ich benutze so gut wie keines der neuerdings und heutzutage als Beschimpfung empfundenen Wörter. Eines nur noch in kulinarisch verwendeten Komposita, wenn es so noch auf der Speisekarte steht. Wo das der Fall ist, mache ich deswegen keinen Aufstand und verachte weder Betreiber/in noch Gast. Ich werde solche Lokalitäten auch weiterhin besuchen, um dort zu essen.
Ganz allgemein stelle ich die Neigung und Entwicklung fest, bestimmte Begriffe zu Schimpfwörtern umzudeuten. Um sich den Ursprung bestimmter Worte zu vergegenwärtigen, lese man nach, welches Wort es für die Farbe Schwarz im Lateinischen oder auch heute noch im Italienischen gibt (nero, moro). Der Wortstamm findet sich z.B. auch in der Marke "Nigrin" wieder. (Diese stand ursprünglich für Produkte der Schuh- und Haushaltspflege, heute nur noch für Autopflegemittel. Markenzeichen ist die schwarze Silhouette eines Schornsteinfegers mit geschulterter Leiter.)
Ich bestreite keinesfalls, dass die so abgeleitete Bezeichnung für Menschen dunkler Hautfarbe schon vor sehr langer Zeit einen Bedeutungswandel vom lediglich beschreibenden zum eindeutig wertenden (abwertenden) Begriff durchgemacht hat (ganz extrem sogar in seiner angloamerikanischen Variation). Im Ursprung aber war der Begriff wertfrei.*
Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff "Kanake", den ich hier nur deshalb ausschreibe, weil die Leserschaft sonst nicht weiß, worauf ich mich beziehe. Dieser Terminus stammt (zumindest laut Wikipedia) von der hawaiischen Bezeichnung "kanaka maoli" für "Mensch" ab, also von einem gleichermaßen im Ursprung neutralen Wort. Man könnte sagen, entweder sind wir alle "Kanaken" oder aber keine/r von uns. Warum aber Menschen, die alles Ausländische verhement verachten, ausgerechnet dieses aus einer anderen Kultur stammende Wort benutzen, um sich daraus ein Schimpfwort zu schnitzen, lässt sich wohl nur als Ausdruck einer Art von Kolonialherrenmentalität erklären. Auch hier aber hat das Wort eine im Ursprung ganz sicher nicht wertende Bedeutung, zumal es aus der Sprache derer stammt, auf die es sich bezieht.
Auch
ein dritter Begriff, der mit dem letzten Buchstaben des Alphabets
beginnt, mag bis vor nicht allzu langer Zeit zwar mehrheitlich
klischeehaft und romantisierend gebraucht worden sein, aber ganz
gewiss nicht in herabwürdigender oder mit gezielt verletzender
Absicht. Es wäre geradezu lächerlich, in die teils beschaulichen,
teils melancholischen Beispiele entsprechenden Liedgutes auf Biegen
und Brechen eine aggressive oder verächtliche Note hinein deuten zu
wollen. Ich weigere mich vehement, Menschen als rückwärtsgewandte
Rassisten zu verunglimpfen, die aus Sentimentalität und Nostalgie
solche Lieder zuweilen auch heute noch gerne hören. Auch sehe ich nicht, dass sich in der Bezeichnung bestimmter Soßen oder Gerichte etwas Anderes ausdrückt als die Assoziation mit etwas Schmackhaftem. Kein Mensch drückt seine Verachtung aus, indem er seine Lieblingsspeisen nach denen benennt, die er geringschätzt. Es käme ja schließlich auch niemand jemals auf die Idee, eine "Rassistenpizza" oder "Pädophilen-Kekse" zu kreieren, nur um damit deutlich zu machen, was er von den so Benannten hält.
Ich
sehe in der heutigen Entwicklung die Gefahr eines undifferenzierten
Schwarzweißdenkens. Du teilst nicht meine Meinung? Du bist verachtenswert. Deine Argumente interessieren mich nicht.
Der durchaus berechtigte Schutz von Minderheiten wird zum Vorwand genommen, um die ach so beklagte Diskrimininierung lediglich auf andere Bevölkerungsgruppen zu verlagern, wo Verachtung und Ächtung als absolut legitim angesehen werden.
Dahinter steht nicht die Absicht, Menschen zu überzeugen und für die eigene Position zu gewinnen, sondern mit Gewalt Recht behalten und seine Ansichten durch "Umerziehung" trotzig-brachial durchsetzen zu wollen. Am Ende aber bringen die Vertreter (und Vertreterinnen) dieser Position mit ihrem gebieterischen und aufklärerisch-messianischen Gehabe die Menschen nur gegen sich auf und erzeugen - den so genannten "Klimaklebern" nicht unähnlich - nur Unverständnis, Unwillen und Widerstand. Es ist erschreckend: Je unerfahrener und jünger die Menschen, desto ausgeprägter scheinen ihr Sendungsbewusstsein und ihre Intoleranz, völlig ungetrübt von jeglichem Selbstzweifel.
Und
wer eine Mehrheitsmeinung ablehnt, gar verteufelt
oder als angebliches Ergebnis von Manipulation diskreditiert, kann
kein wirklicher Verfechter und keine wirkliche Verfechterin der
Demokratie sein, die auf Mehrheitsfähigkeit und
Mehrheitsentscheidungen beruht.
Ich möchte noch drei "betroffene" Mitbürger positiv erwähnen: Den aus dem Senegal stammenden Taxifahrer Isaac aus München, der seit 40 Jahren hier lebt. Er spricht perfekt bairisch, kennt sich mit bayerischer Literatur aus und ist Fan des FC Bayern München. Klaus aus dem Schwarzwald, der das auch mit viel Humor betont (Instagram-Account "Klaus_aus_Schwarzwald"). Und der ostfriesische, Plattdeutsch sprechende und augenscheinlich ebenfalls bestens integrierte Landwirt Keno Veith (Eigenbezeichnung auf Instagram "deschwattenostfreesjung"). Zu allen dreien kursieren Videos im Netz. Und sie alle sind mir sehr viel sympathischer, als zum einen diejenigen, die sich unaufgefordert zu Fürsprechern und Fürsprecherinnen berufen fühlen und zum anderen weit sympathischer als die, die meinen, diese Menschen gehörten nicht hierher.
Es gibt Leute, die lehnen die medizinische Behandlung durch Menschen schwarzer Hautfarbe oder die Annahme von Spenderorganen solcher Menschen ab. Das ist Rassismus!
Was nützt es dann, wenn Leute, die so denken, sich formal korrekt ausdrücken? Ob das unnachgiebige Einstehen für eine veränderte Sprache nun eine besonders aufrechte Heldentat aufgrund blütenreiner Gesinnung ist, sei dahingestellt. Aber nach meinem unmaßgeblichen Erachten liegt die Herausforderung in Fällen wie den oben genannten und nicht in Symptomkuriererei und Wortkosmetik.
Um keinen Zweifel zu lassen, sage ich es bewusst mit der ultimativen Attitüde, die unlängst eine erboste Verfechterin der Neuen Sprache mir gegenüber an den Tag legte. Diese Tonart ist sonst nicht die meine und sie stieß mir besonders sauer auf:
"Nochmal ganz langsam zum Mitschreiben": Ich versuche, vorurteilsfrei zu denken, zu sprechen und zu handeln, bin aber weit davon entfernt, perfekt zu sein. Ich möchte niemanden verletzen und handle weitgehend nach dem Grundsatz "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem anderen zu!" Ich verwende weder im direkten Gespräch noch im Gespräch über Dritte oder bestimmte Gruppen die von einigen beanstandeten Begriffe. Ich sehe aber die eigentliche Herausforderung darin, das Denken der Leute zu verändern, nicht bloß das Reden. Ich habe wenig Hoffnung, dass das Eine das Andere schon mit der Zeit bewirken wird.
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Am Rande noch ein paar offene Fragen zum Thema Gendern. Sind das Folgende Stilblüten oder ernsthaft zu erörternde Probleme?
Wie verhält es sich nach neuerer Lesart mit dem Begriff "Landsmännin". Ist der Begriff "Nutte" einer Prostituierten gegenüber diskriminierend? Muss der Gegenpart zu "Angestellter" heute tatsächlich "Angestelltin" heißen? Muss es eine "Gästin" geben und ist ein weiblicher Fan eine "Fanin"? Und diskriminiert man Verbrecherinnen und Rassistinnen, wenn man nur von "Verbrechern" und "Rassisten" spricht?
*Wer weiß denn im Übrigen, ob nicht auch die heute noch als neutral, politisch korrekt und unverfänglich definierten Begriffe irgendwann wiederum eine Bedeutungsänderung erfahren, bei einigen in Verruf geraten werden oder ob demnächst nicht überhaupt jedwede Bezugnahme auf Haut- oder Haarfarbe oder Augenform als etwas gesehen werden wird, was die betreffende Person in verachtenswerter Weise auf eben diese Eigenschaften reduziert?