Wider die Frömmelei


Ich brauche keinen Heiland, Retter, Erlöser, Schöpfer, Herrn, Richter. Ich brauche einen Freund, einen Kumpel, nah, nahbar, greifbar und begreifbar. Jemanden, dessen eigene Antworten ich aus seinem Mund hören kann. Jetzt gerade, genau in diesem Moment, in meiner augenblicklichen Situation. Es stimmt, Kindern fällt das Glauben leichter. Aber mit einem Vater im Himmel kann kein Kind etwas anfangen. Big Brother, der alles sieht und seine Züchtigung als Ausdruck seiner Liebe verstanden wissen will, scheint mir ohnehin nicht der beste Vater zu sein. Einerseits angeblich allgegenwärtig, aber andererseits doch irgendwie nie da, wenn man ihn braucht.

Ich brauche deine Worte, jetzt gesprochen, von dir, an mich. Und keine seit zweitausend Jahren wiedergekäuten Orakel aus zweifelhafter Quelle, mal so, mal so interpretierbar, irgendwann von irgendwem aufgeschrieben und für irgendwen gedacht. Mögen sich alle gelehrten Exegeten dieser Welt ihre Deutungshoheit und ihren exklusiven Anspruch sonstwohin stecken!

Ich mag dein theatralisches Gehabe nicht, dein frömmelndes Gesülze, deine aufgesetzte Ergriffenheit, dein triefendes Pathos, deinen verklärten Blick, deine klebrige Schwärmerei, deine aufdringliche Sanftheit, deinen beseelten Bekehrer-Ehrgeiz, dein gekränktes Kopfschütteln, deine Bigotterie, deine Verlogenheit, deinen selbstgerechten Tadel, dein distanziertes Unverständnis, nur noch übertroffen durch dein vorgetäuschtes Mitgefühl.

Kümmere dich gefälligst um dein eigenes Gewissen und versuche nicht, mir ein schlechtes zu machen, nur um mir Sündenvergebung als großartiges Geschenk der Gnade verkaufen zu können.

Setz dich einfach neben mich, schau mit mir in den Sternenhimmel und halt die Klappe! Sei mir nah, wenn du magst, aber nerv mich nicht! Das wird vermutlich mehr im Sinne des Wesens sein, von dessen Existenz du so sehr überzeugt bist, als irgendein mit Bibelzitaten gespicktes Gelaber, vielleicht gut gemeint, aber wahrlich, ich sage euch: alles andere als gut gemacht.

Komm wieder, wenn deine Bibel bunt ist. Bleib mir vom Leib, so lange sie es nicht ist! Sei mal locker, gib dem Kind in dir Raum, sei albern und lach mit mir!