Vorgesetzte
Eine Führungskraft fragte mich einmal "Wissen Sie eigentlich, wen Sie vor sich haben?" Allem Anschein nach hatte diese Person den Eindruck, ich würde ihr den erwarteten Respekt verweigern.
Nun, wie ist das: Weiß man immer, wen man in Vorgesetzten vor sich hat? Klare Antwort: Nein.
Es fängt schon mit der Frage an, ob Vorgesetzte eigentlich zu den Kollegen und Kolleginnen zählen. Oder sind Sie eine Klasse für sich, würden sie die Titulierung als Kollegen oder Kollegin mithin als unpassend und unter ihrer Würde betrachten, gar als Verächtlichmachung und persönlichen Angriff werten? Es überwiegt wohl die Zahl solcher Vorgesetzten, bei denen man das lieber nicht austesten würde, und zwar auch dann nicht, wenn Sie keinen akademischen Titel tragen und ihren Untergebenen zudem jovialerweise das vertrauliche Du angeboten haben. Spätestens bei Vorstandsmitgliedern erscheint verbales Schulterklopfen wenig ratsam.
Sicher, Vorgesetzte sind auch nur Menschen, selbst in den höchsten Positionen. Menschen mit einer besonderen Funktion und Verantwortung, vielleicht sogar mit einer besonderen Kompetenz, mit einem Blick für das Große und Ganze, der der breiten Masse der anderen Angestellten manchmal oder grundsätzlich abgehen mag. Manche von ihnen können sich durchaus als sehr nahbar, umgänglich und verständnisvoll erweisen. Andererseits gibt es solche unter ihnen, die nichts davon jemals erkennen und stattdessen das Fußvolk immer wieder deutlich ihre Macht spüren lassen, ihnen gegenüber rücksichtslos ihre Befugnisse auskosten, unterkühlt, nüchtern-sachlich, unpersönlich und von oben herab ihre Anforderungen ans Personal durchdrücken. Das kann für den kleinen Mann und die kleine Frau immer dann besonders unangenehm werden, wenn die nächsthöhere Führungsebene ein derartiges Verhalten nicht mitbekommt, es billigend in Kauf nimmt oder gar gutheißt und deckt.
Manchmal bringen Vorgesetzte mit ihrem Pendeln zwischen dienstlich-strenger Sachlichkeit und menschlicher Nähe meine Freund-/Feinderkennung durcheinander, diese Ambivalenz hat etwas von Dr. Jekyll und Mr. Hyde, Dr. Cordelier und Opale, Mensch und (von potenziellem, weil mit Macht ausgestattetem) Monster.
Es besteht kein großer Unterschied zwischen leitenden und leidenden Angestellten. Oft genug findet sich der abwärts Führende gegenüber der Hierarchieebene über ihm selbst in der Position des Untergebenen wieder. Womöglich gibt er den Frust darüber weiter, getreu dem Motto "Nach oben buckeln, nach unten treten" . So ist es durchaus nicht bloß vorstellbar, sondern immer wieder bittere Realität, dass Untergebene nach einem Gespräch das Büro ihrer Führungskraft in Tränen aufgelöst verlassen. Dass so etwas jemals umgekehrt passiert, ist dagegen nicht zu erwarten. Vorgesetzte lassen sich nicht zusammenfalten oder einschüchtern, oft genug würde man sich das wünschen. Unterdrückter Groll der Mitarbeitenden nützt wahrscheinlich keinem Unternehmen, nicht zuletzt auch, weil er den Krankenstand erhöhen kann und damit Kosten verursacht. Naturgemäß das einzige Argument, das in Wirtschaftsunternehmen wirklich zählt.
Der Begriff "vorgesetzt" trifft den Nagel auf den Kopf. Vorgesetzte sind quasi wie eine Art Verwandte, denen man u.U. täglich begegnet. Man kann sie sich nicht aussuchen. Der Versuch, durch den Vergleich mit einer großen Familie Solidarität unter Angestellten und Identifikation mit dem Unternehmen zu erzeugen, kann da einen schalen Beigeschmack hervorrufen und kontraproduktiv wirken, je nachdem, welche Erfahrungen jemand mit Familie verbindet.
Die vorrangige Absicht eines Unternehmens besteht wohl nicht im Wohlbefinden seiner Mitarbeitenden, in Sinn stiftender Beschäftigungstherapie. So belehrte mich sogar ausgerechnet mal ein Personalvertreter, dass das Gehalt keine "Anwesenheitsprämie" sei. Eine solch mahnende Auskunft hätte ich eigentlich eher von einem mit mir unzufriedenen Vorgesetzten erwartet. (Dabei ging es übrigens um die Berechnung von Minusstunden, weil der Arbeitgeber nach Ausfall seiner IT zwar den Angestellten den Weg zur Arbeit nicht ersparte, sich aber außerstande sah, die für ihn wie auch die betroffenen Arbeitnehmer verlorene Zeit mit sinnvoller Beschäftigung zu füllen.)
Die Gegenüberstellung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern ist ohnehin so eine Sache. Sie betont zum einen eher das Trennende, gar Gegensätzliche und widerspricht zum anderen der Behauptung vom gemeinsamen Boot, in dem angeblich beide Parteien sitzen. Gemeint ist dabei offensichtlich ohnehin so etwas wie die sogenannten Drachenboote oder (bei größeren Unternehmen) Galeeren, bei denen einer oder wenige trommeln und alle anderen rudern. Assoziationen zu vergnüglichen Kreuzfahrten drängen sich einem in diesem Zusammenhang eher weniger auf, jedenfalls wenn man nicht gerade Feierabend und Wochenende mit den bei solchen Schiffsreisen üblichen Landgängen vergleicht.
Die Begriffe "Arbeitgeber" und "Arbeitnehmer" suggerieren zudem, dass nur der eine gibt und das Charakteristische des Anderen hauptsächlich im Nehmen besteht, den abhängig Beschäftigten gegenüber keine sonderlich freundliche Betrachtungsweise.
Tatsächlich könnte man auch durchaus auf die Idee kommen, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Millionen von Arbeitnehmern verwenden meist jahrzehnte- oder ein ganzes Arbeitsleben lang Kraft und Lebenszeit für ihren Beruf. Der Arbeitgeber nimmt das zwar gerne an, beklagt aber die Kosten, die ihm dadurch entstehen.
Wer also gibt hier und wer nimmt? Und wenn beide Parteien beides tun, warum trägt dann nur einer das Attribut des gütig gnädig Gebenden im Namen?
Und der lange Arm und Stellvertreter desselben vor Ort ist der Vorgesetzte. Ein Unternehmen, das von seinen Mitarbeitenden als Fürsorger und Ernährer wahrgenommen werden will, braucht Vorgesetzte, die genau das glaubhaft vermitteln. Und Unternehmen, die von ihren Angestellten das Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung erwarten, sollten - auch durch ihr Führungspersonal - vermitteln, dass genau diese Grundordnung etwas ist, was nicht nur "draußen", in der Freizeit und an Wahlsonntagen eine Rolle spielt. Trotzdem mag es weder vernünftig noch realistisch sein zu verlangen, dass Belegschaften ihre Vorgesetzten in freier Wahl selbst bestimmen. Wenn es so wäre, sähe es wohl für manche Führungskraft in Deutschland schlecht aus. Aber den Personalrat wählen zu dürfen, ist ja auch schon was.