Vermittlung



Es gibt Menschen, die tun einem so richtig gut. Die mag man, bei denen fühlt man sich wohl, angenommen, verstanden und geborgen, denen kann man vertrauen, mit denen kann man reden, offen und ehrlich, und schweigen, lachen und weinen.

Es gibt auch Tiere, die einem guttun, Pflanzen, Licht und Farben, Musik und Klänge, Düfte, Essen und Trinken, ein gutes Buch, Stille, Wärme, die Weite des Meeres oder einer schönen Landschaft, eine Beschäftigung, ein Erfolgserlebnis.

Ohne diese Menschen und Momente sähe es finster aus in unserem Leben. Sie sind Lichtblicke, sie bringen Licht ins Dunkel wie Leuchtfeuer in der Dunkelheit, die uns Orientierung, Mut, Zuversicht und Hoffnung geben.

Manuela, meine Frau, war ein solcher Mensch. Nachdem sie gestorben war, fragte ich mich, ob es wohl eine unsterbliche Seele gibt und – wenn ja – wo denn die meiner Frau jetzt wohl sein mochte. Ich las das Buch eines Reanimationsmediziners über so genannte Nahtoderlebnisse. In übereinstimmenden Berichten von Menschen, die dem Tod nicht nur nah gewesen waren, sondern die Schwelle zu ihm aus medizinischer Sicht bereits deutlich überschritten hatten, war von einem sehr hellen und dennoch nicht blendenden Licht die Rede, das sie gesehen hatten und von einem nicht näher definierten Lichtwesen, das sie liebevoll in Empfang genommen hatte. Je nach dem Kulturkreis, aus dem die betroffenen Patienten kamen, lag es für sie nah, in diesem Lichtwesen Gott zu sehen.

Meine Frau war kein besonders religiöser Mensch, und wenn sie doch mal ein Gebet sprach, so begann sie es mit "Lieber Gott, wenn es dich gibt…". Und auch ich bin eher ein Skeptiker. Aber die Vorstellung eines Lichtwesens gefiel mir, zumindest besser als die eines autoritären, züchtigenden, richtenden und daher Furcht einflößenden Gottes. Schon allein das Wort "Gott" klingt in meinen Ohren nicht so sympathisch und Vertrauen erweckend wie das Wort "Lichtwesen".

Aber trotz ihrer Skepsis hat meine Frau mir in der Zeit unseres Zusammenseins etwas von dem vermittelt, wofür dieses Lichtwesen steht. Es wurde in ihr spürbar und erlebbar durch die Art, wie sie war und wie sie mir begegnete, in ihrer Nähe, ihrem Verständnis, ihrer Liebe. Sie tat mir gut, bei ihr fühlte ich mich wohl und sie sich bei mir.

Da drängt sich mir ein Bild auf. Jeder Bildschirm besteht aus unzähligen Bildpunkten, bei Flüssigkristallbildschirmen leuchten diese nicht selbst, sondern sie werden von einer großen hellen Fläche von hinten durchleuchtet. Wem das zu technisch ist, möge sich eine große schwarze Pappe vorstellen, hinter der ein helles Licht strahlt. Schon das kleinste Loch in der Pappe lässt etwas von diesem Licht durchscheinen.

Ich will gerne glauben, dass Gott oder eben das Lichtwesen in ähnlicher Weise zu uns durchscheint durch Menschen, die ihn bewusst oder unbewusst für uns erfahrbar machen, wie so ein Loch in einer pechschwarzen Pappe, die ansonsten das Licht abschirmt und uns in Dunkelheit hüllt.

Dazu passt, dass Jesus Christus sich selbst als das "Licht der Welt" bezeichnet und gesehen haben soll und dass man von der "Frohen Botschaft" des Evangeliums spricht. Was nicht dazu passt ist, dass das Buch, in dem das steht, in einen schwarzen Einband gekleidet ist und meines Wissens in eben jenem Buch an keiner Stelle gelacht wird.

Mir aber sind Lachen und Humor wichtig. Gott begegnet mir weniger in pathetischen Worten der Ergriffenheit, in Demut und Ehrfurcht und verklärter Entrückung, als im unmittelbaren aufrichtigen Kontakt und Umgang mit Menschen im gewöhnlichen Alltag. Gemeinsame Heiterkeit bedeutet mir mehr als getragene Choräle und eine feierliche Liturgie und wärmt mein Herz mehr als das ständige Wiederkäuen von Sünde und Vergebung, von Kreuzestod und Opfermythos. Lacht oder schweigt mit mir, aber versucht nicht, mir Schuldgefühle einzureden.

Vielleicht macht mich das zu einem schlichten Gemüt, aber auf einen Konstruktionsfehler meines Schöpfers wird das wohl kaum zurückzuführen sein.