Segen



Wenn sich etwas gut und richtig anfühlt, uns Kraft, inneren Frieden, Freude und Zuversicht verleiht, dann erfahren wir das als Geschenk, als Wohltat oder als Segen. Segen liegt im erlebbaren und erlebten Guten, in Wohltuendem, Befreiendem und Beruhigendem.

Segen kann nicht wie eine TÜV-Plakette durch den Vertreter oder die Vertreterin einer vermeintlich dazu befugten oder angeblich gar beauftragten Institution verliehen oder ausgesprochen werden. Ob auf etwas Segen liegt, zeigt sich im Laufe der Zeit, ganz gleich, was irgend jemand vorab dazu gesagt, gewünscht oder erfleht hat.

Eine Tante von mir beschrieb die Ehe mit ihrem despotischen Ehemann als "50 Jahre Gefängnis". Welcher Wert hat - völlig unabhängig von der Konfession - der Segen, den ein Pfarrer einst geglaubt hatte, kraft seines Amtes im Rahmen einer kirchlichen Trauung spenden zu können, ja zu müssen? Welcher Irrglaube, wie viel Verlogenheit und Konvention, wie viel Furcht vor göttlicher oder gesellschaftlicher Verdammung und Ächtung, vor dem, was die Leute denken, liegt darin?

Der wahre Segen hätte darin gelegen, wenn die Tante sich beizeiten von ihrem Peiniger getrennt hätte. Das aber war früher keine Selbstverständlichkeit, man blieb zusammen, man brach keinen vor Gott geleisteten Treueschwur. Man willigte in sein schicksalhaftes Martyrium ein und ertrug es. Darin mag alles Mögliche liegen, aber ganz gewiss kein Segen.