Schmerzgrenzen

Oh Mann, worüber wird heutzutage alles erbittert gestritten:

über den Ukraine-Krieg, über den Nahost-Konflikt, über Zuwanderung, über das Gendern, über poltische Korrektheit, Diskriminierung und "Cancel Culture". Über Klimawandel und Umweltschutz, über Covid und das Impfen, über E-Autos, das Verhalten im Straßenverkehr, Kindererziehung, Inklusion, über Lebensleistung, Verdienste und das Privatleben Prominenter, über Ernährung, Benimmregeln, Lebens- und Kleidungsstile, Kabarettisten und Comedians, den Umgang mit der deutschen Sprache und zahllose andere Themen. Allein von der Aufzählung kann einem schon schwindelig und schlecht werden.

Und jeder sieht sich unzweifelhaft im Recht, jeder drischt unversöhnlich auf den anderen ein, lässt kein gutes Haar an allen, die nicht die eigene Meinung teilen. Ein einziges Stichwort genügt und Eifer, Blutdruck, Lautstärke und Wortwahl eskalieren. Ein einziges verbales Hauen und Stechen. Bloß kein Verständnis für den anderen zeigen, kein Entgegenkommen, keinen Kompromiss, keine Widerworte zulassen!

Stattdessen maß- und rücksichtslos polemisieren, polarisieren, verunglimpfen, unterstellen, verdächtigen, anfeinden, beleidigen, lächerlich machen, drohen. Jeder glaubt von sich, im Besitz der allein gültigen Wahrheit zu sein, andere mit dem Zeigefinger anprangern, bekehren und belehren zu müssen. Es herrscht ein rauer, feindseliger und autoritärer Umgangston unter den Menschen, unnachsichtig hart vorgebracht mit großem Sendungsbewusstein und Absolutheitsanspruch. Manchmal glaubt man, eine regelrechte Lust am Streiten, Eskalieren und Zwietracht säen zu spüren, ein krankhaftes Warten auf die nächstbeste Gelegenheit und den fadenscheinigsten Anlass, den Anderen anzugreifen und fertig zu machen. Jede Vermutung und jedes Gerücht kommen dafür gerade recht.

Alles andere wird als naiv belächelt, als weltfremd und harmoniebedürftig in den Dreck getreten und verächtlich gemacht.

In Ruhe zuhören, gemäßigt bleiben, mitfühlen, dazu scheint keiner mehr willens oder in der Lage zu sein. Jeder ist sich selbst der Nächste, empfindet sich als Dreh- und Angelpunkt der Welt und deren Nabel, als Maß aller Dinge. Und jeder fühlt sich im Nachteil, unterdrückt, nicht wahr- und nicht ernstgenommen, bedroht und hintergangen. Alle zeigen sich beleidigt, gekränkt und verletzt und leiten daraus das Recht ab, andere so zu behandeln, dass es ihnen genauso gehen möge.

Manchmal ist es kaum noch auszuhalten. Ich schalte ab.

Wo bleiben Leichtigkeit, Lachen, Einsicht, Verständnis, Einigkeit, Eintracht und die so bösartig geschmähte Harmonie? Liegt das Heil im Zanken und vermeintlichen Recht haben? Ist das die bessere Welt, in der zu leben sich lohnt?