Nettoleben
Der Kabarettist Piet Klocke ermahnt in seinen Bühnenauftritten sein anhaltend applaudierendes Publikum mit dem Satz "Das geht alles von Ihrer Zeit ab!" Eines seiner Programme trägt daher auch diesen Titel.
Nicht nur die Zeit eines solchen Auftritts, nicht nur die Zeit des Kabarettisten und die seines Publikums ist begrenzt. Unser aller Zeit ist es. Und es gibt Dinge, die von unserer aller Zeit abgehen. Unterbrechungen, Abhaltungen, Verpflichtungen, Dinge, die nun mal getan werden müssen, uns aber daran hindern, das zu tun, was wir vielleicht lieber täten. Es gibt immer Dinge, für die unsere Zeit nicht reicht, Dinge, zu denen wir nicht mehr gekommen sind, die wir schweren Herzens vertagen müssen, die bis dahin liegen bleiben.
Das Leben ist keine Veranstaltung, die unserer Belustigung dient. Es ist kein Wunschkonzert, kein Ponyhof, kein Schlaraffenland und kein Paradies. Es ist auch kein Füllhorn, welches wie die Tüte eines Schulanfängers mit lauter verlockenden Süßigkeiten gefüllt wäre, die nur darauf warten, von uns vernascht zu werden. Das Leben kann ein durchaus steiniger Weg voller Mühen und Hindernisse sein, so sehr, dass es manchmal schwer fällt, es als Geschenk wahrzunehmen.
Und obwohl unsere Verweildauer auf Erden knapp ist, gibt es doch reichlich Dinge, die auch diese begrenzte Zeit noch weiter einschränken mit lästigen Notwendigkeiten, mit Schlafen zum Beispiel. Schlaf muss sein, weil wir so konstruiert sind, dass wir ihn brauchen, um uns zu regenerieren. Schlaf soll und kann erholsam sein. Er kann uns süße Träume schenken. Aber er nimmt uns auch jeden Tag Stunden unseres Lebens. Denn was sind schon Stunden wert, die man in Bewusstlosigkeit verbringt? Wir müssen jeden Tag auf die Toilette und wir müssen uns täglich waschen. Alles andere hätte unerfreuliche Konsequenzen für uns und unsere Mitmenschen. Wenn uns nicht Hunger und Durst quälen sollen, müssen wir essen und trinken. Wir müssen Geld verdienen, um uns die Güter leisten zu können, die wir brauchen. Und wir müssen einen Teil der uns zur Verfügung stehenden Zeit zwangsläufig damit verbringen, dass wir uns diese Güter beim wöchentlichen Einkauf beschaffen. Kinder und Haustiere müssen versorgt, Besitztümer gepflegt und instandgehalten werden. Nichts davon tun wir nur einfach so zum Spaß, wenn das auch nicht ausschließt, dass uns einzelne dieser Aktivitäten auch durchaus schonmal Vergnügen bereiten können oder uns doch zumindest eine gewisse Befriedigung verschaffen. Aber die meisten Vergnügen dieser Welt müssen teuer erkauft und in jedem Fall irgendwie bezahlt werden.
Ich unterscheide daher zwischen Brutto- und Nettoleben. Das Bruttoleben umspannt die gesamte Dauer unserer irdischen Existenz. Dafür, dass wir nur Gäste auf Erden sind, müssen wir ganz schön viel tun. Jedenfalls werden wir nicht wie Gäste bedient.
Und von dieser Zeitspanne geht alles ab, was uns lästig ist und wenig oder überhaupt keine Freude bereitet. Hässliche Dinge. (Im Italienischen bedeutet übrigens "brutto" "hässlich", was allerdings Zufall ist und nichts mit der Unterscheidung vom Netto zu tun hat.) Für die schönen Dinge bleibt in der Regel wenig Zeit. Man beschreibt sie ja auch als kurzweilig. Das Angenehme dauert in unserer Wahrnehmung nie so lange wie das Unangenehme.
Und dort, wo das Netto eklatant geringer ausfällt als das Brutto, spricht man von einer Mogelpackung, von einer Art Wundertüte, deren Aufmachung mehr verspricht, als das, was drin ist. Der geneigte Leser und die ebensolche Leserin brauchen nur auf die monatliche Gehaltsabrechnung zu schauen und werden sofort wissen, was ich damit meine. Der Schäfer drückt es so aus: Viel Geschrei und wenig Wolle. Netto eben.