Der Tiefseetaucher

oder

Slowmotion

(Version V; 20.02.2024)


Wenn ein Taucher aus großer Tiefe zu schnell der Wasseroberfläche zustrebt, dann perlt der in seinem Blut gelöste Sauerstoff in etwa so aus, wie die in einem Getränk gelöste Kohlensäure, wenn man die zuvor geschüttelte Flasche öffnet. Falsche Hast beim Aufstieg bedeutet den sicheren Tod eines Tiefseetauchers.

6.30 Uhr. Der Radiowecker zerreißt brutal und gnadenlos die Stille. Sein infernalisches Geplärre - irgendeine widerlich beschwingte Oldieschnulze - zerhackt rücksichtslos die wohltuend tiefe Bewusstlosigkeit, die mich gerade noch schützend umhüllte. Der Song ist kaum verklungen, da malträtiert ein ekelhaft munterer Moderator mein Trommelfell mit schier unerträglich guter Laune. "Junge, sei froh, dass du weit genug weg in deinem sicheren Studio sitzt!", denke ich bei mir. Ich kann unberechenbar sein, wenn es mir erst mal gelingt, die Augen zu öffnen. Aber bloß nichts überstürzen! Die Vorstellung von kopfloser Hektik und der Gedanke an die furchtbaren Folgen der Taucherkrankheit mahnen und lähmen mich.

Eine halbe Stunde später. - Meine Augen haben, jedes für sich, blinzelnd einen ersten zögerlichen und unerfreulichen Kontakt mit dem trüben Licht des Tages gemacht, der unverlangt anbricht. Für einen Moment kommt eine gewisse Übelkeit in mir auf, die sehr treffend mit dem Verb "anbrechen" korreliert.

Weitere zehn Minuten später. - Meine Füße suchen zögernd und tastend ihren Weg vor das Bett. Für die gefühlte Dauer eines Meditationswochenendes verharre ich widerwillig, mürrisch und benommen auf der Bettkante. Ich verstehe nicht, warum manche Menschen nach höheren Bewusstseinsebenen suchen. Ich habe schon mit der allgemein geläufigen genug zu tun.

Aber auch ohne die morgendliche Wirklichkeit mental schon vollends erfasst zu haben, mache ich mich auf den langen und beschwerlichen Weg ins Bad. Eine knappe Stunde ist seit dem vermaledeiten Weckruf vergangen. Ich bin ja selbst schuld, der Radiowecker mag es nicht, wenn man ihn programmiert. Und jeden Morgen zeigt er mir aufs Neue, wie nachtragend er ist. Nie ist jemand da, den man für solches Ungemach verantwortlich machen könnte, wenn man ihn braucht. Es müsste so etwas geben wie einen diplomierten Sündenbock, einen jederzeit für alles Mögliche und Unmögliche in Regress zu nehmenden Universalschuldigen.

Den gibt es aber ebensowenig wie verlässliche und gnädige Stromausfälle, die dem Radiowecker das Handwerk legen.

Plötzlich spüre ich Tropfen auf meiner Haut. Ich erschaudere, mir wird kalt und heiß. Ich muss nach der anstrengenden Anreise zum Sanitärbereich noch mal eingeduselt sein. Nein, es regnet nicht, tatsächlich stehe ich unter der Dusche. Keine Ahnung, wie ich dorthin gekommen bin. Ich schaue mich verschreckt um und bin doch sofort wieder erleichtert: Ja, es ist tatsächlich meine Dusche! Wer möchte schon morgens nackt unter einer fremden Dusche aufwachen?

Wie in Trance verrichte ich die unvermeidlichen Routinen der Morgentoilette. Erst nach erfolgreichem Abschluss meiner To-do-Liste mit dem Programm-punkt "Anziehen des rechten Sockens" gesellt sich mein Bewusstsein wieder zu mir. Das trifft sich gut, denn nun verlangt mir der Abstieg über die Treppe zum Wohnbereich meine volle Aufmerksamkeit ab. Ich kann mich noch gut an den Aufstieg erinnern, er scheint noch gar nicht so lange her zu sein. Wie die Zeit vergeht!


Irgendwie muss ich unbeschadet unten angekommen sein. Die Vorbereit-ungen für das Frühstück in der gleißend hellen Küche und im Esszimmer ziehen wie im Flug an mir vorbei. Wie Brot und Aufstrich auf den Tisch gelangt sind, ist mir zu großen Teilen entgangen. Mein in Schüben arbeiten-des Wachbewusstsein schaltet sich wie ein Wackelkontakt mal zum Gesche-hen hinzu, mal verkrümelt es sich in seine Ecke für Tagträume und Selbstgespräche. Ich trage die Tasse mit dem frisch aufgebrühten Kaffee an den Frühstückstisch, als ich dort ankomme, ist das Heißgetränk immerhin noch einigermaßen warm.

Ich nehme bedächtig Platz, bestreiche und zerschneide eine Scheibe Brot und treffe auf Anhieb den Mund!


Nach dem Frühstück erklimme ich noch mal die Stufen zum Obergeschoss, um am Waschbecken der Mundhygiene Genüge zu tun. Danach trotte ich wieder hinab, öffne widerstrebend die Haustür und lasse in einem beispiel-losen Akt äußerster Selbstverleugnung alles hinter mir zurück, was mir lieb und wert ist und mein Leben lebenswert macht.

Wer mir jetzt mit dem Spruch kommt "Arbeit macht das Leben süß", ist dem Tode geweiht! Ich balle meine Faust, hole entschlossen weit aus und spätestens morgen trifft den elenden Schwätzer meine harte Rechte.