Ansichtssache


Wohl jeder Mensch wünscht sich, wahrgenommen zu werden. Und jeder freut sich über Lob und Anerkennung. Jeder ist empfänglich für eine liebe Geste und ein Zeichen des Respekts.

Wenn man etwas geleistet hat, wenn einem etwas gelungen ist, was man so vielleicht gar nicht für möglich gehalten hätte oder wenn man sich etwas Neues angeschafft hat, vielleicht ein neues Kleidungsstück, neue Möbel oder ein neues Auto oder wenn man einfach nur frisch vom Friseur kommt, dann freut man sich, wenn das registriert wird und Anklang findet, wenn man dafür bewundert wird.

Steht jemand nun nicht gerade im Licht der Öffentlichkeit, bekommt man solche Rückmeldungen in aller Regel aus seinem direkten Umfeld, also von Verwandten, Freunden, Bekannten, Nachbarn und Kollegen. In den seltensten Fällen erhält man Zuspruch von Wildfremden. Wenn aber das persönliche Umfeld nicht besonders groß ist, dann kann es schon mal richtig schwierig werden, ein paar lobende Worte zu erhaschen. Die Sehnsucht danach jedoch bleibt. Und die Zahl der Alleinstehenden, auch derer mit wenigen Sozialkontakten, wächst stetig.

Das haben auch Jean-Paul Brettersheimer und Alfons Kohlgruber-Beutlin erkannt. Und sie haben aus diesem Wissen heraus eine Geschäftsidee entwickelt. Wenn etwas kaputt ist und man es nicht selbst reparieren kann, dann muss man eben jemanden bezahlen, der das gewerblich macht und Erfahrung darin hat. Man braucht einen Handwerker. Aber wer kommt, wenn man mal dringend ein bisschen Ermutigung braucht? Jemanden dafür bezahlen, wäre das nicht bezahlte Heuchelei? Andererseits bezahlen manche Menschen noch für ganz andere Dinge, was für den Rest der Menschheit undenkbar wäre. Es gibt für alles einen Markt.

Und so beschlossen Alfons und Jean-Paul, eine Unternehmung mit eben diesem Geschäftszweck zu gründen. Und sie nannten ihr Unternehmen eine Betrachterei.

Ihr erster Auftrag kam von einer 85 Jahre alten, alleinstehenden Dame, die in einem großen Wohnkomplex zur Miete wohnte und sich aus Jux und Dollerei die Haare pink hatte färben lassen.

Der aufgesetzte Beifall der Friseurin reichte ihr als Bestätigung nicht aus. Jeder Krämer lobt schließlich seine Ware und redet der Kundschaft zu Munde. Man kennt das ja von Modeverkäufern: "Das ist eine ganz wunderbare Qualität", "das ist der letzte Schrei aus Paris", "das ist jetzt die Modefarbe für den kommenden Herbst", "diese Hosen trägt mein Mann auch sehr gerne". Darauf kann man nichts geben.

Aber wenn völlig Fremde, ob nun bezahlt oder nicht und ob sie den Vergleich zu vorher haben oder nicht, erst mal sehen, wie gut die neue Haarfarbe der alten Dame steht, dann würde sie schon merken, ob die gedungenen Betrachter wirklich beeindruckt sind oder nicht. Und Jean-Paul und Alfons waren beeindruckt!

Diese kräftig leuchtende Farbe machte Frau Pasulke vielleicht ein wenig blass, kontrastierte in ihrer dynamischen Jugendlichkeit aber wunderbar zum tristen Grau des Rollators! Beim anschließenden Kaffeekränzchen konnten die beiden vor Bewunderung fast nicht an sich halten. Und dann noch dieser überaus schmackhafte Kuchen und der aromatische Kaffee, so einen hatten sie ja bisher noch nirgendwo getrunken. Welche Sorte ist das? Woher bekommt man den? Und dann diese geschmackvoll eingerichtete, schnuckelige Wohnung und der grandios weite Blick über die Stadt. "Schön haben Sie es hier!" meinten die beiden Begucker. "Wissen Sie, ob in diesem Haus noch Wohnungen frei sind?"

Ja, das waren zwei kultivierte Herren, die wussten, was gut war und was sich gehört! Da lohnte sich jeder Cent. Anders als dieser lustlos heruntergeleierte Standardbescheid der wenig überzeugenden Friseurin, die von ihrem Metier offenkundig weniger verstand, als sie vorgab. Als Frau Pasulke die Teller und Tassen vom Kaffeetisch räumte, lächelte sie in sich hinein.

Ein anderes Mal wurden Brettersheimer und Kohlgruber-Beutlin zu einem Hobbyrestaurator und Automechaniker gerufen, der Monate damit verbracht hatte, einen Oldtimer zu reparieren und so weit wieder herzurichten, dass er nicht nur wieder fahrtüchtig war, sondern auch wieder in altem Glanz erstrahlte. Die wenigen Freunde des Mannes aber hielten den Aufwand an Zeit und Mühe für unverhältnismäßig, den praktischen Nutzen für gering und die Kosten für zu hoch. Dann doch lieber ein neuzeitliches Fahrzeug mit allen Schikanen und hohem Gebrauchswert, bei dem nicht jede dazu kommende Schramme fast körperliche Schmerzen verursachte. Nein, auf eine solche Idee kämen sie selbst nie im Leben, "Aber gut," meinten sie schulterzuckend über das Hobby ihres Freundes "Wenn es ihm Freude bereitet .. Muss ja jeder selber wissen." Als Ansporn zu neuen Restaurierungen war das dem Tüftler zu dürftig. Die haben ja keine Ahnung! Da müssen Profis ran, die sich mit der Maschine und dem Seelenleben des Eigentümers auskennen und richtig darauf eingehen können.

In der Tat waren Alfons und Jean-Paul vom Durchhaltevermögen und Kenntnisreichtum des Freizeitmechanikers recht angetan. So was konnten nicht Hinz oder Kunz. Solche Fertigkeiten findet man nur ganz selten. Das war auch nichts für durch überbordende Elektronik und durch Massenware abgestumpfte Grobiane in einer 08/15- Autowerkstatt. Hier war Liebe zum Detail gefragt, eine innige Liebe zum Automobil, ein Bewusstsein für Historie, Material und Handarbeit. Herr Schneisenbaum hätte an keine besseren Experten geraten können. Nie würde er deren vor Ehrfurcht geweitete Augen vergessen, ihre mit Ehrerbietung staunend vorgetragenen Nachfragen, auch die anerkennenden Blicke, die sie untereinander tauschten. Wo erfuhren Automobil und Fahrer heute noch eine derartige Wertschätzung?! Nach all den Monaten, die er im Schweiße seines Angesichts und mit ölverschmierten Händen unermüdlich an diesem Werk gearbeitet hatte, erfuhr er heute endlich die ultimative Huldigung als Meister seines Fachs. Von einer Betrachterei hatte er bis dahin noch nie etwas gehört. Welcher Gewinn an Lebensqualität!

Manchmal stießen Alfons und Jean-Paul ganz unversehens und unerwartet auf potenzielle neue Kunden. So geschah es, als sie einmal nach einem Feierabendbier in ihrer Stammkneipe die Rheinbrücke überquerten. Dabei fiel ihnen Hubertus Pumpfmuckel auf, der mit tieftrauriger Miene auf der Brüstung stand, offenkundig in der Absicht, seinem Leben durch einen beherzten Sprung in die Tiefe ein Ende zu setzen. Alfons fielen sofort seine hochwertigen Schuhe Budapester Zuschnitts auf und er sprach den Lebensmüden darauf an. "Schöne Schuhe haben Sie da!" "Finden Sie?", fragte Pumpfmuckel. "Ja, durchaus! Wollen Sie die nicht ausziehen, bevor ...?" Da richtete Jean-Paul das Wort an den morbide Gestimmten, fragte diesen nach den Beweggründen für sein Vorhaben und machte ihn darauf aufmerksam, dass ein Erfolg desselben weitere Erfolge in der Zukunft, für die es nie zu spät sei, ausschließen würde. Um seine Situation ausführlich darzulegen, war Hubertus das Verharren auf der zugigen Brüstung doch zu unbequem. Er stieg herab und kam mit den beiden Betrachtern ins Gespräch. Dabei stellte sich heraus, dass er als Kunstmaler versagt zu haben glaubte und mangels Erfolg vom freudlosen Diesseits ins Jenseits wechseln wollte, ganz gleich, was ihn da erwarten mochte. Offensichtlich hatte es aber auch schon bessere Zeiten für den Künstler gegeben, sonst hätte er sich wohl kaum die teueren Schuhe leisten können. Hier ergab sich ein Anknüpfungspunkt und es gelang den beiden Unternehmern, dem Gefährdeten den Stolz in Erinnerung zu rufen, den er empfunden hatte, als er sich die besagten Schuhe seinerzeit hatte leisten können. Pumpfmuckel führte sie zu seinem Atelier und hier bot sich den Beguckern die perfekte Gelegenheit, auf der Klaviatur der Wertschätzung ihr gesamtes Repertoire auszuspielen, wenn dieses Mal auch unentgeltlich. Diese Farben! Diese Formen! Diese Energie und Dynamik! Diese Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit! Diese Spiegel der Seele, diese Tiefe und Unverfälschtheit und die sich darin unmittelbar mitteilende Genialität ihres Schöpfers. Welch ein Frevel, einen solchen Schatz in einem derartigen Schuppen vor der Welt zu verbergen! Diese Werke schrien dem Betrachter geradezu ins Gesicht, dass sie ans Licht der Öffentlichkeit, dass sie gesehen werden wollten! Augenblicklich wurde dem Maler klar, dass er sich noch wenige Augenblicke zuvor beinahe durch törichtes Verhalten selbst jener Visionen beraubt hätte, die Brettersheimer und Kohlgruber-Beutlin nun vor seinem geistigen Auge ins Leben riefen.

Wenn ihnen dieses Erlebnis auch kein Geld eingebracht hatte, so bestätigte es sie doch in der Gewissheit, dass sie gebraucht wurden und ihre kleine Firma, die sie mit Freude erfüllte, eine Zukunft hatte. Und so gab es noch viele andere Einsätze, die sie selbst ermutigten und bestätigten. Mittlerweile hat sich davon auch einiges herumgesprochen und man kennt Brettersheimer und Kohlgruber-Beutlin als erfolgreiche Inhaber einer kleinen, aber gut gehenden Betrachterei,